Die Wurzel allen Übels...

...ist endlich gefunden: KILLERSPIELE! Verbietet sie! Lebenslängliche Freiheitsstrafe ohne Bewährung für Besitz, Herstellung und Handel muss her! Kein Pardon den Killerspielen! Das ist das Schlimmste, was unsere Gesellschaft seit Rauschgift und Rockmusik gesehen hat!

...Moment mal. Jugendliche laufen also Amok, weil sie Killerspiele spielen? Dann wird auch jeder Spieler von Wirtschaftssimulationen zum Topmanager, oder? Und jeder, der Fußballspiele spielt wird zum Fußballstar? Schön, dass man sich seine Zukunft so einfach aussuchen kann heutzutage. Dann wünsche ich mir doch direkt mal ein Spiel, in dem all meine Zukunftsträume verwirklicht sind.

Wie sehr muss ich es noch überspitzen? Worauf ich eigentlich hinaus will, ist dass diese Debatte über "Killerspiele", ja allein schon das Wort als politischer Kampfbegriff derartig lächerlich und realsatirisch sind, dass keinem Menschen mehr entgehen dürfte, wie selbstgerecht und bequem diese Gesellschaft eigentlich ist. Schön und gut, dann werden "Killerspiele" meinetwegen verboten. Und dann? Dann kommt der nächste Amoklauf, ganz ohne "Killerspiele". Mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Diese Gesellschaft lässt lieber Menschen 
sterben als sich selbst zu hinterfragen.
Politiker, die es besser wissen müssten, lassen ganz bewusst diese Menschen sterben, um mit einem günstigen Kampfbegriff Wahlkampf zu machen.
Dient diese Praktik in irgendeiner Art und Weise dem Menschen? Oder dient vielleicht vielmehr der Mensch der Politik, die zum Selbstzweck verkommen ist oder bestenfalls den Politikern dient? Das ist alles viel zu allgemein gesprochen und gefragt. Ich will das aber nicht alles auseinanderpflücken.
Vielmehr sollte man sich die Frage stellen, wer wirklich Schuld an Amokläufen ist, was die Ursachen sind. Wer schuld ist, das lässt sich einfach und definitiv beantworten. Ich bin schuld, jeder der das hier liest ist schuld und auch jeder, der das nicht liest ist schuld. Bevor mich jemand falsch versteht, ich will nicht sagen, dass nicht der Amokläufer jeweils den Auslöser an seiner Waffe abzieht. Ich will aber sagen, dass die Gesellschaft der Fehler ist, nicht irgendwelche Computerspiele und wenn dann höchstens periphär.
Stichpunkte sind da viel eher gesellschaftliche "Werte" wie Egoismus,
 Konkurrenzdenken, Wertbestimmung eines Menschen anhand
 seines beruflichen (schulischen) Erfolges, Anpassung in eine mittelmäßige Masse in der Individualität und Persönlichkeit nur noch 
periphären Wert haben. Diese Liste könnte noch viel weiter gehen, 
ich will sie aber jetzt nicht weiterführen.
Aber fällt bei diesen Werten etwas auf? Sind es nicht gerade diese Werte und Normen, die den Kapitalismus bestimmen und für ihn notwendig sind? Könnte Kapitalismus mit einer echten Solidargesellschaft existieren? Oder in einer Gesellschaft, in der jeder seine Persönlichkeit auslebt, in der es keine Konkurrenz gibt weil jeder hat was er braucht? Ich will hier garnicht derart radikale Forderungen anstellen, ich will nicht nach der Revolution rufen. Ich will auch niemanden auffordern "mach es besser". Und noch viel weniger will ich den Zeigefinger mahnend erheben. Ich will nur anmerken und an
einem aktuellen Beispiel ganz oberflächlich, eben in dem Rahmen den mir ein Blogeintrag bietet, belegen, was ich denke, was ich für richtig beziehungsweise für falsch halte. Und dabei vielleicht dem einen oder der anderen einen Denkanstoß geben. Oder auch nicht.

Und die Moral von der Geschicht' wird sein, dass Killerspiele verboten werden, dass der nächste Amoklauf kommen wird und immernoch niemand lernen wird, es wäre ja viel zu unbequem mit sich selbst ins Gericht zu gehen.

Und ich weiß garnicht, warum ich das eigentlich geschrieben habe.

6.12.06 20:25, kommentieren

Studiengebühren

Ganz geschickt gemacht vom Land (NRW) - es wird den Unis der schwarze Peter des Protestes zugeschoben, indem ihnen gesagt wird "Ihr kriegt kein Geld mehr von uns - aber ihr dürft Studiengebühren erheben. Wenn ihr pleite geht, meldet halt Insolvenz an". Ich kann jede Uni, die daraufhin Studiengebühren erhebt, verstehen - warum sollte man auch pleite gehen wollen. Dies heißt allerdings nicht, dass es in irgendeiner Art und Weise befürwortet werden könne, Bildung zu einer Ware zu machen, für die man gefälligst zu zahlen hat und wenn man sie sich nicht leisten kann, entweder einen Kredit aufzunehmen oder auf sie zu verzichten hat. Was ist denn der Effekt davon? Eins ist klar: es wird weniger Studenten geben, diese werden in zwei Gruppen unterteilt sein; hier die Kinder reicher Eltern, dort die hoffnungslosen Idealisten, die den Kredit aufnehmen. Ich frage mich, was mit dann den Abiturienten passieren soll, deren Eltern weder sich die Gebühren leisten können noch einen Kredit aufnehmen wollen. Duale Studiengänge (ist wie eine duale Ausbildung, nur mit Berufsakademie-"Studium" ) ? Ein rapider Anstieg der Ausbildungen zu Bürokaufmann/frau? Nimmt man dazu noch die Entwicklung hin zu Bachelor/Master-Studiengängen, sieht man eindeutig, dass hier das Bildungssystem voll und ganz auf die Wirtschaft ausgerichtet werden soll (inklusive positivem Nebeneffekt, nämlich dass "soziale Mobilität" die Entwicklung weg von einem schönen Wort hin zur Dudenleiche macht). Interessant finde ich in dem Zusammenhang auch, dass zwar gleichzeitig die theoretische Qualität des Studiums stark beschnitten wird (dadurch, dass in Bachelor/Master-Studiengängen sämtliche für die Wirtschaft unnützen, rein theoretischen und wissenschaftlichen Inhalte gestrichen werden) und gleichzeitig von einer Erhöhung der Studienqualität durch Gebühren gesprochen wird - hallo?!
Aber viel interessanter finde ich noch, dass diese Entwicklung noch nichtmal kapitalistischen Ansprüchen auf Dauer genügen wird:
Durch die Wandlung hin zu einer sog. "Wissensgesellschaft" dürfte die vielbeschworene "internationale Wettbewerbsfähigkeit" stark sinken, wenn es immer weniger Akademiker und dafür immer mehr Arbeiter und mittlere Führungskräfte (von der Berufsakademie, denn nichts anderes wird dort gezüchtet) gibt.

Und ja, das Thema sollte jeden interessieren, denn es geht hier nicht nur um die Belange einer unwichtigen Randgruppe, es geht darum, dass dies der Anfang ist, das gesamte Bildungssystem zu privatisieren. Mal ganz abgesehen davon, dass sich jeder, der gerade so oder auch nicht ganz mit seinem Geld klarkommt, beleidigt fühlen dürfte von folgenden Worten des Bonner Unirektors: "Wer wegen 80 bis 100 Euro Zusatzkosten im Monat nicht mehr studieren geht, dem ist doch sowieso nicht mehr zu helfen."

1 Kommentar 15.11.06 21:23, kommentieren

Zynik

Wie unerträglich Mittelmäßigkeit ist. Durchschnitt. Alles ist grau. Ist das Schwarz, das Weiß nicht viel erstrebenswerter? Muss ein Extrem zwangsweise schlecht sein? Beruht nicht die gesamte Menschheit, jegliche Errungenschaft auf extremistischen Ideen? Ward nicht die heutige Form der Demokratie vor 100 Jahren noch in weiten Teilen der Welt als extremistische, utopische Gesellschaftsform angesehen, gar vor 400 Jahren als völlig undenkbar eingestuft? Als unvereinbar mit einer vermeintlichen, höchst ominösen "menschlichen Natur"? Ja, was genau ist denn die "menschliche Natur"? Es gibt keine zufriedenstellende, nicht mit Leichtigkeit widerlegbare Definition jenes Begriffs. Der Durchschnitt ist jedoch nötig. Der diktierte Durchschnitt nicht: er zersetzt die Zivilisation wie eine Säure. Und ist gleichzeitig dem herrschenden System höchst zuträglich. Als Beispiel funktioniert wunderbar die Problematik der Berufswahl. "Lass dich ausbilden", so tönte einst eine Werbekampagne. Die Aufforderung, durchschnittlich und mittelmäßig zu sein, höchst subtil in der vermeintlichen Sorge anderer um die Zukunft des einzelnen untergebracht. Die Antwort? Der Sehnsucht nach Außergewöhnlichkeit, nach dem Extrem wird durch von der Wirtschaft ausgenutzte Ausbruchsversuche, meist in Richtung des Negativextrems, Ausdruck verliehen. Die Jugend wendet alles dafür auf, das negative Extrem zu erreichen, die Industrie erkennt dies (wenn sie nicht sogar derartige Ausbruchsversuche inszeniert) und bringt entsprechende Produkte auf den Markt. Beispiele gibt es bezüglich jeder Jugendkultur, die zum Negativen neigt. Ich nenne hier nur mal die Kommerzialisierung des Punk oder aktuell mit "Aggro Berlin" die Kommerzialisierung des Hip-Hop. Dadurch wird das vermeintliche Negativextrem zu purer Gewöhnlichkeit, zu purem Mittelmaß, aus ihm wird eine Einnahmequelle. Das ist pure Zynik. Ein weiterer Weg zur Außergewöhnlichkeit ist das Positivextrem. Hier wird es jedoch noch zynischer: auf dem Weg zu jenem werden dem Menschen künstlich Steine in den Weg gelegt, beispielsweise durch das Verlangen auf Anpassung an die Mittelmäßigkeit, durch genormtes Wissen und genormte Bewertungsrichtlinien (die schlicht und einfach den Grad der Angepasstheit zu beurteilen fähig sind, sonst nur wenig). Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise außergewöhnlich - er muss es nur entdecken, er muss sich dessen bewusst werden und die Mittelmäßigkeit verneinen.


2 Kommentare 8.11.06 12:33, kommentieren


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