Zynik

Wie unerträglich Mittelmäßigkeit ist. Durchschnitt. Alles ist grau. Ist das Schwarz, das Weiß nicht viel erstrebenswerter? Muss ein Extrem zwangsweise schlecht sein? Beruht nicht die gesamte Menschheit, jegliche Errungenschaft auf extremistischen Ideen? Ward nicht die heutige Form der Demokratie vor 100 Jahren noch in weiten Teilen der Welt als extremistische, utopische Gesellschaftsform angesehen, gar vor 400 Jahren als völlig undenkbar eingestuft? Als unvereinbar mit einer vermeintlichen, höchst ominösen "menschlichen Natur"? Ja, was genau ist denn die "menschliche Natur"? Es gibt keine zufriedenstellende, nicht mit Leichtigkeit widerlegbare Definition jenes Begriffs. Der Durchschnitt ist jedoch nötig. Der diktierte Durchschnitt nicht: er zersetzt die Zivilisation wie eine Säure. Und ist gleichzeitig dem herrschenden System höchst zuträglich. Als Beispiel funktioniert wunderbar die Problematik der Berufswahl. "Lass dich ausbilden", so tönte einst eine Werbekampagne. Die Aufforderung, durchschnittlich und mittelmäßig zu sein, höchst subtil in der vermeintlichen Sorge anderer um die Zukunft des einzelnen untergebracht. Die Antwort? Der Sehnsucht nach Außergewöhnlichkeit, nach dem Extrem wird durch von der Wirtschaft ausgenutzte Ausbruchsversuche, meist in Richtung des Negativextrems, Ausdruck verliehen. Die Jugend wendet alles dafür auf, das negative Extrem zu erreichen, die Industrie erkennt dies (wenn sie nicht sogar derartige Ausbruchsversuche inszeniert) und bringt entsprechende Produkte auf den Markt. Beispiele gibt es bezüglich jeder Jugendkultur, die zum Negativen neigt. Ich nenne hier nur mal die Kommerzialisierung des Punk oder aktuell mit "Aggro Berlin" die Kommerzialisierung des Hip-Hop. Dadurch wird das vermeintliche Negativextrem zu purer Gewöhnlichkeit, zu purem Mittelmaß, aus ihm wird eine Einnahmequelle. Das ist pure Zynik. Ein weiterer Weg zur Außergewöhnlichkeit ist das Positivextrem. Hier wird es jedoch noch zynischer: auf dem Weg zu jenem werden dem Menschen künstlich Steine in den Weg gelegt, beispielsweise durch das Verlangen auf Anpassung an die Mittelmäßigkeit, durch genormtes Wissen und genormte Bewertungsrichtlinien (die schlicht und einfach den Grad der Angepasstheit zu beurteilen fähig sind, sonst nur wenig). Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise außergewöhnlich - er muss es nur entdecken, er muss sich dessen bewusst werden und die Mittelmäßigkeit verneinen.


8.11.06 12:33

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Sozn / Website (8.11.06 19:51)
Um ein Mißverständnis bezüglich dieses Textes auszuschließen: ich bin nicht der Meinung, dass jeder Azubi durchschnittlich ist. Ich bin auch nicht der Meinung, dass jeder studieren sollte. Die Aussage bezüglich jener Werbekampagne ist - wie auch erwähnt - BEISPIELHAFT gemeint. Die Aussage ist lediglich bezüglich der WERBEKAMPAGNE zu verstehen, da jene JEGLICHE Jugendlichen als Zielgruppe hat (und dadurch eben auch jene, für die sich andere Formen der Zukunft und Berufswahl - und damit ist viel mehr als die Entscheidung Studium/Ausbildung gemeint - besser eignen), sie ist NICHT bezüglich der Sache "Ausbildung" gemeint.


Tascha (3.3.07 15:06)
Epitaph

Den Tigern entrann ich
Die Wanzen nährte ich
Aufgefressen wurde ich
Von den Mittelmäßigkeiten

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